Wie die Zeit vergeht…

Unsere Pfarrerin Anja Humbert feiert nun bereits ihr 30. Ordinationsjubiläum. Zu dieser besonderen Zahl hat sie ein Interview herausgesucht und über die sozialen Medien neu geteilt. Damit auch nicht-Facebook-Nutzer*innen die Chance haben mitzulesen, teilen wir es auch hier noch einmal. Das Interview erschien erstmalig vor fünf Jahren zum 25. Jubiläum und liest sich heute noch genauso spannend wie damals:

Große Standorttreue und ebenso große Wanderlust zeichnen die Marxloher Pfarrerin Anja Humbert aus, die am 25. Februar ihr 25. Ordinationsjubiläum in der Evangelischen Bonhoeffer Gemeinde Marxloh-Obermarxloh begeht. Warum das in ihrem Fall kein Widerspruch ist, hat sie in einem Interview der Reporterin Sabine Merkelt-Rahm erklärt (herzlichen Dank an beide für das schöne Gespräch, das wir hier lesen können).
R. Frau Humbert, Sie sind ganz ländlich idyllisch in einem Dorf zwischen Soonwald und Hunsrück aufgewachsen, wie kommt man von dort an eine Pfarrstelle in Marxloh?
H. Oh, da muss ich etwas ausholen. Ursprünglich hatte ich Tierärztin werden wollen, aber der Oberstufenunterricht in Religion war auch sehr interessant und ich überlegte an einer wissenschaftlichen Karriere. Dann suchte ich während des Theologiestudiums in Bonn und Mainz nach einem Platz für mein Gemeindepraktikum und bewarb mich in Marxloh. Aus der heilen Welt kam ich hierher wo eigentlich nichts mehr heil war. Die sechs Wochen Praktikum hier haben meine Pläne dann komplett geändert.
R. Woran lag das?
H. Ich merkte, dass Kirche hier besonders glaubwürdig auftritt und viel tun kann gegen Armut, Umweltverschmutzung und das Verschwinden christlicher Werte. Und ich traf auf offene, freundliche Gemeindemitglieder und Kollegen, die mich herzlich aufnahmen. Also entschloss ich mich, zum nicht geringen Entsetzen meiner Eltern, nach meinem ersten Examen zurückzukehren und auch mein Vikariat in Marxloh zu machen. Eigentlich bin ich also schon viel länger hier als 25 Jahre. Ich habe tatsächlich mein ganzes Berufsleben hier verbracht.
R. Gab es nie Zweifel an dieser extremen Standorttreue?
H. (lacht) Ich bin doch in der Gemeinde als ausgesprochene Wanderpastorin bekannt. Ich musste nämlich schon vier Mal innerhalb von Marxloh gemeindebedingt umziehen. Durch Gebäudeumnutzungen und Fusion kam ich ganz schön rum Stadtteil. In meine zweite Wohnung wurde kurz nach meinem Einzug gleich zwei Mal eingebrochen. Aber freundliche Gemeindemitglieder haben mir dann einen echten Marxloher Wachhund geschenkt, den ich selber aussuchen durfte. Die Schäferhündin mit den langen Haaren war zwar eine sanfte Seele von Hund, aber seit sie im Haus war, hörten die Einbrüche tatsächlich auf.
R. Inzwischen begleitet Sie ein ganzes Hunderudel auf ihren Spaziergängen zwischen Rheinwiesen und Industriekulisse?
H. Stimmt. Drei oder vier Notfall-Fellnasen aus dem Tierschutz habe ich eigentlich immer. Morgens, wenn ich mit den Hunden am Mattlerbusch unterwegs bin, treffe ich schon die ersten knapp zwanzig Gemeindemitglieder auf ein Schwätzchen am Wegesrand. Mir liegt daran, über die Kerngemeinde hinaus mit möglichst vielen Menschen hier in Kontakt zu stehen. Ich nehme mir jeden Tag eine Stunde Zeit für meine Facebook-Kontakte. Vielen jüngeren Gemeindemitglieder begegne ich fast nur in den sozialen Netzwerken. Und auch zu den Tiergottesdiensten kommt ein ganz anderer Kreis von Besuchern als zu anderen Gottesdiensten.
R. An die Tiergottesdienste kamen sie durch die Ruhrpottreiter?
H. Genau, zwar ist mein letztes eigenes Pferd schon länger im Ruhestand, aber ich habe von den Ruhrpottreitern inzwischen die Organisation der Tiergottesdienste übernommen. Und es gibt in der Gemeinde wirklich viel Unterstützung für solche Projekte. Da heißt es von den Ehrenamtlern: Kein Problem, wir backen dir wieder Kuchen, stellen die Stühle auf und so weiter. Darauf kann ich mich verlassen.
R. Inzwischen sind sie seit vierzehn Jahren auch Geschäftsführerin der Altentagesstätte?
H. Wir haben nach der Fusion mit Obermarxloh die Schwerpunkte in der Gemeinde neu eingeteilt. Ich stand dann in der Seniorenarbeit zunächst vor der Aufgabe, die drei Frauenhilfen zusammen zu führen, das ging nur mit vielen Gesprächen und viel Geduld auf allen Seiten. Mir ist es wichtig, nichts zu verordnen, sondern als Eine unter Gleichen wahrgenommen zu werden. Ich wollte nie Pfarrherrin sein, sondern Pastorin, sprich Hirtin.
R. Also gibt es weiterhin keine Pläne, beruflich mal woanders hinzupilgern?
H. Ach wo, auch wenn meine Eltern immer noch nicht recht warm geworden sind mit Marxloh, ich habe meine Entscheidung für diese sinnvolle Aufgabe hier nie bereut. Wenn es nach mir geht, verbringe ich den Rest meines Berufslebens genau hier.
Das Foto wurde 1996 anlässlich der Ordination von Pfarrerin Humbert vor der Kreuzeskirche aufgenommen und zeigt die Pfarrerin mit Pfarrer Karl Wolfgang Brandt (links), dem damaligen Superintendenten des ehemaligen Kirchenkreises Duisburg Nord, und Pfarrer Michael Gallach (Foto: Rolf Köppen, Archiv Evangelischer Kirchenkreis Duisburg)

 

 

 

 

 

 

Pfarrerin Anja Humbert in der Kreuzeskirche; Foto: Sabine Merkelt-Rahm (2021)